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Mindhealing und Gemeinschaftsbildung



Die 4 Phasen der Gemeinschaftsbildung aus dem Buch „Eine neue Ethik für die Welt” von Scott Peck:

„Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.  

Mit der Zeit können dann allmählich tiefgehende individuelle Differenzen auftreten, und die Gruppe begibt sich ins Stadium des Chaos und zerstört sich nicht selten selbst. Bei der Pseudogemeinschaft geht es um das Kaschieren von individuellen Differenzen. Im Stadium des Chaos geht es vorrangig um den Versuch, diese Differenzen auszulöschen. Das geschieht darüber, dass Gruppenmitglieder versuchen, einander zu bekehren, zu heilen, auszuschalten oder ansonsten für vereinfachte organisatorische Regeln einzutreten. Es ist ein ärgerlicher und irritierender, gedankenloser, maschinengewehrmäßiger und oft lärmender Prozess, bei dem es nur um Sieger und Verlierer geht und der zu nichts führt.   Wenn die Gruppe diese unerfreuliche Situation durchstehen kann, ohne sich selbst zu zerstören oder in die Pseudogemeinschaft zurückzufallen, dann tritt sie allmählich …

…in die „Leere” ein. Dies ist ein Stadium sehr, sehr harter Arbeit, eine Zeit, in der die Mitglieder daran arbeiten, alles beiseite zu räumen, was zwischen ihnen und der Gemeinschaft steht. Und das ist eine Menge: Vieles von dem, was mit Integrität aufgegeben und geopfert werden muss, sind universell menschliche Eigenschaften: Vorurteile, vorschnelle Urteile, starre Erwartungen, der Wunsch zu bekehren, zu heilen oder auszuschalten, der Drang zu siegen, die Angst, sich zum Narren zu machen, das Bedürfnis, die Kontrolle über alles zu haben. Andere Dinge mögen ausgesprochen persönlicher Art sein: ein verborgener Kummer, Abscheu oder tiefe Angst vor etwas, die öffentlich eingestanden werden müssen, bevor das Individuum für die Gruppe völlig „präsent” sein kann. Es ist eine Zeit, die Risikobereitschaft und Mut verlangt, und wenn man sich auch oft erleichtert fühlt, so fühlt man sich doch oft auch sterbenselend.   Der Übergang von Chaos zur Leere läuft selten dramatisch ab und dauert häufig qualvoll lange. Ein oder zwei Gruppenmitglieder gehen vielleicht das Risiko ein, ihre Seele bloßzulegen, nur um zu erleben, dass ein anderes, das den Schmerz nicht ertragen kann, plötzlich das Thema zu irgendetwas völlig Unsinnigem wechselt. Die Gruppe als Ganzes ist noch nicht offen genug, um wirklich zuzuhören. Sie fällt in das zeitweilige Chaos zurück. Schließlich aber wird sie doch so leer, dass eine Art Wunder geschehen kann.

An diesem Punkt spricht ein Mitglied sehr präzise und authentisch etwas an. Die Gruppe scheut nicht davor zurück, sondern sitzt schweigend da und nimmt alles in sich auf. Dann sagt ein zweites Mitglied ganz ruhig etwas ebenso Authentisches. Es handelt sich vielleicht nicht einmal um eine Antwort auf das erste Mitglied, aber man hat auch nicht das Gefühl, es ist ignoriert worden. Vielmehr herrscht eher die Empfindung vor, das zweite Mitglied sei vorgetreten und habe sich neben dem ersten auf den Altar gelegt. Wieder kehrt Stille ein, aus der heraus sich ein drittes Mitglied ebenso präzise und eloquent äußert. Die Gemeinschaft ist geboren. Der Wechsel zur Gemeinschaft tritt oft sehr plötzlich und dramatisch ein. Die Veränderung ist deutlich zu spüren. Ein Geist des Friedens durchdrängt den ganzen Raum. Es herrscht mehr Schweigen, doch es wird Bedeutungsvolleres gesagt. Es ist wie Musik. Die Menschen arbeiten mit einem präzisen Zeitgefühl zusammen, so als seien sie ein fein eingestimmtes Orchester unter der Leitung eines unsichtbaren himmlischen Dirigenten. Viele spüren tatsächlich die Anwesenheit Gottes im Raum. Handelt es sich um eine Gruppe vormaliger Fremder, die sich in einem öffentlichen Workshop versammelt haben, dann kann man eigentlich nichts weiter tun, als sich an diesem Geschenk freuen. Handelt es sich aber um eine Organisation, dann ist die Gemeinschaft nun bereit, sich oft mit phänomenaler Leistungsfähigkeit und Effektivität an die Arbeit zu machen, also Entscheidungen zu treffen, zu planen, zu verhandeln und so weiter.”

Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung

Nachfolgend ein Artikel zum Thema Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung von Samuel Widmer. Als Grundlage für diesen Artikel inspirierte das Buch „The different drum” von Scott Peck.
 
 
Scott Peck beginnt sein Buch mit einer Geschichte, die ich uns in unserer Gemeinschaft auch sehr ans Herz legen möchte: The Rabbi’s Gift.
Kurz zusammengefasst geht es darin um ein sterbendes Kloster; nur noch ein paar wenige alte Mönche versammeln sich um einen ebenso alten Abt. In der Nähe gibt es eine Hütte, die gelegentlich von einem Rabbi aufgesucht wird. Diesen fragt der Abt schließlich um Rat, aber auch er weiß keine Hilfe, um den sterbenden Orden zu retten. Nur so nebenbei lässt er zum Abschied fallen, das Einzige, was er sagen könne, sei, dass einer von den übrig gebliebenen Mönchen bestimmt der Messias sein müsse. Nun beginnt das große Rätseln, denn über dieser ihnen unklaren Aussage müssen die Mönche nun endlos brüten, was dazu führt, dass sie einander zunehmend mit großem Respekt zu behandeln beginnen. Schließlich könnte ja tatsächlich der jeweils andere der Messias sein. Dies führt dazu, dass das Kloster allmählich eine enorme Aura von Respekt zu umgeben beginnt, welche anfängt, in die Welt auszustrahlen. Und es dauert nicht lange, bis diese Ausstrahlung die Menschen anzieht und das Kloster wieder blüht.
 
In Gemeinschaft liegt die Rettung der Welt, durch Gemeinschaft wird sie kommen. Nichts anderes ist wichtiger. Trotzdem ist es praktisch unmöglich, Gemeinschaft und was sie bedeutet jemandem, der sie noch nie erlebt hat, zu erklären, und die meisten Menschen hatten nie in ihrem Leben eine Erfahrung von wirklicher Gemeinschaft. Alle Gemeinschaftsstrukturen in unserer Gesellschaft wie Dörfer, Städte, Länder, Institutionen, Kirchen, Klöster und so weiter sind in der Regel völlig entleert bezüglich des Gemeinschaftsgeistes.
Das, was heute Not tut in der Welt, ist, dass dieser Geist wieder gefunden wird. Wir müssen miteinander wieder zu Gemeinschaft finden, in Gemeinschaft kommen. Wir brauchen einander. Weltfrieden und globale Gemeinschaft werden allerdings nicht entstehen können, solange wir die Basics, die grundsätzlichen Gesetze über Gemeinschaft nicht erlernt haben und sie nicht anzuwenden verstehen in Bezug auf unser persönliches Leben, auf unsere persönliche Einflusssphäre.
Die Regeln des gesellschaftlichen Spiels, so wie es heute gespielt wird, müssen dringend geändert werden, so dass wir wieder ganz und heil werden können. Dies ist ein spiritueller Prozess. Spirituelle Heilung ist ein Prozess des Ganz- und Heilwerdens.
 
Was sind die Regeln für Gemeinschaft? Das wollen wir im Folgenden herausfinden, denn wichtig ist, sie zuerst zu erkennen und bezüglich unseres persönlichen Lebens zu erlernen, um sie dann universell anwenden zu können.
Gemeinschaft gibt es kaum. Ein erstes Faktum, das zu sehen ist. Man erkennt dies an der Isolation und Fragmentation, in der die meisten Menschen ihr Leben fristen. Ein wichtiges Grundprinzip von Gemeinschaft besteht in der Freiheit, sich selbst sein zu dürfen, das heißt, seine wirklichen Gefühle haben und zum Ausdruck bringen zu dürfen. Wir alle wissen, dass wir kaum je, weder in unserer Kindheit, in unserer Vergangenheit, noch in unserer Gegenwart, Plätze kennen gelernt haben, an denen es sicher war, sich selbst zu sein.
Heute grassiert allenthalben ein bis ins Krankhafte überbetonter Individualismus, durch den man sich vor den Folgen dieser Unsicherheit retten will. Er führt aber zu Zersplitterung und Isolation. Was es braucht ist nicht diesen übertriebenen und malignen Individualismus, sondern einen weichen Individualismus, das nämlich, was bereits C.G. Jung als Individuation bezeichnet hat. Wir werden darauf zurückkommen.
Gemeinschaft kann man oft daran erkennen, auch wenn dies nicht zwingend ist, dass sie ihre eigenen Mythen bildet. Denkt nur an unseren eigenen Mythos in der Kirschblütengemeinschaft! Gemeinschaften erkennt man vor allem auch daran, dass sich ihre Mitglieder in ihnen sicher fühlen, dass sie keine Angst haben, authentisch zu sein, ihre wirklichen Gefühle zu haben. Man fühlt sich darin zu Hause. Wirkliche Gemeinschaft hat eine heilende Kraft. Wer damit in Berührung kommt, wer das Gefühl von Gemeinsamkeit wirklich in der Tiefe erlebt hat, dessen Leben hat eine neue Ausrichtung bekommen. Darum veranstaltet Scott Peck noch und noch Community-building-Workshops, weil es ihm ein Anliegen ist, möglichst vielen Menschen dieses Erlebnis eines Gemeinschaftsgeistes zu vermitteln, da daraus Heilung und eine neue Motivation, für Gemeinschaft zu gehen, kommen wird. Den meisten Gruppen in der Welt, daran ist es zu erkennen, fehlt diese heilende Kraft, sie sind nicht wirkliche Gemeinschaften.
Gemeinschaft ist grundsätzlich herstellbar, sie muss nicht ein Zufallsprodukt sein. Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, hat bereits Jesus gesagt, bin ich mitten unter ihnen, kommt es zu diesem Gefühl des Einsseins. In unserer Sprache würden wir dasselbe eher so ausdrücken: Wo sich eine Gruppe von vielleicht sogar sehr unterschiedlichen Leuten zusammen um die Liebe versammelt, stellt sich dieses Einheits- oder Gemeinschaftsgefühl unweigerlich ein.
 
Wenn man Gemeinschaft will, muss man zuerst von seinem ganz persönlichen Sein ausgehen. Unser persönliches Ziel ist die Individuation, wie C.G. Jung dies genannt hat, ein Prozess der menschlichen Entwicklung, in dem wir vollkommen ausgereifte Individuen werden, ganz und gar unser wirkliches Selbst. Dies ist unser Ruf zur Freiheit. Wir alle wissen, dass dieses zu sich selbst Stehen zwar oft und allenthalben gefordert wird, dass man aber sehr schnell in Teufels Küche geraten kann, wenn man sich ernsthaft dafür aufmacht. Deswegen enden die meisten Menschen in Anpassung und Selbstverleugnung. Sie scheitern an der Individuation, und das heißt, sie scheitern daran, erwachsen zu werden und wirklich ganz und gar Mensch zu werden. Psychotherapie kann man deshalb auch als Nachhilfe im Erwachsenwerden verstehen.
Wir sind aufgerufen, einzigartig zu sein. Wir sind auch aufgerufen, in unserer Macht zu stehen, in unserer Verantwortung zu stehen. Auch das gehört dazu. Und wir sind gerufen zur Ganzheit. Und genau an diesem Punkt findet das Streben nach Individualität seine Grenzen und erwacht das Bedürfnis nach Gemeinschaft in uns. Denn tatsächlich gibt es keine Ganzheit, die wir nur auf uns selbst begründen können. Letztlich können wir nur gemeinsam vollkommen sein. So sind wir also gleichzeitig sowohl zu Ganzheit gerufen als auch zur Erkenntnis unseres Inkomplettseins, gerufen dazu, in unserer Macht zu stehen und gleichzeitig auch unsere Schwäche zu würdigen, gleichzeitig gerufen zu einer individuellen Einzigartigkeit und zur völligen gegenseitigen Abhängigkeit (Interdependence).
Wo immer man hingeht, wo immer man hinschaut, das, was fehlt in der Welt und wonach gleichzeitig ein großer Durst besteht, ist Gemeinschaft. Gewisse Wege kann man nur im Alleinsein beschreiten; die inneren Voraussetzungen für Gemeinschaft schafft jeder auf einem einsamen Pfad. Dieser Einsamkeit kann man durch Gemeinschaft nicht aus dem Weg gehen, das würde nicht in wirklicher Gemeinschaft enden. Aber gerade aus diesem Alleinsein heraus erwachen dann das Bedürfnis und die Möglichkeit von Gemeinschaft. Die schönsten Dinge lassen sich schließlich nur gemeinsam vollbringen.
Ganz dringend brauchen wir ein neues Verständnis des Individualismus. Wir haben zu erkennen und einzugestehen, dass wir nicht wirklich uns selbst sein können, bevor wir nicht freiwillig und gerne das zusammen teilen, was uns am meisten gemeinsam ist: unser Schwachsein, unser Unvollständigsein, unser Unperfektsein, unseren Hunger nach Ganzheit. Bei den anonymen Alkoholikern drückt man diese Tatsache mit dem bedenkenswerten Satz aus: I’m not OK and you are not OK, but that’s OK. Ich bin nicht in Ordnung und du bist nicht in Ordnung, aber das ist in Ordnung. Ich würde allerdings noch hinzufügen: Auch unser Starksein müssen wir teilen, unsere Sexualität, unsere Beziehungen, unser Geld, unser ganzes Leben eben – hier bleibt mir Scott Peck zu dünn, deshalb wohl hat er ja auch großen Erfolg mit seinen Ideen, weil sie nicht ans Eingemachte gehen.
 
Die Charakteristiken von Gemeinschaft
 
Gemeinschaft ist ein Mysterium, man kann sie letztlich nicht wirklich verstehen. Sie ist mehr als die Summe ihrer Teile, ihrer individuellen Mitglieder. Eine Gruppe ist ein Organismus für sich, der ein eigenes Leben hat.
- Ein erstes Charakteristikum: Gemeinschaft ist und muss einschließend sein. Ihr größter Feind ist die Exklusivität, das Ausschließen. Ihr einschließender Charakter ist aber nicht absolut. Jede Gemeinschaft findet darin ihre eigenen Grenzen, die Grenzen von dem, was sie tragen kann. Sie wird aber leiden daran und sich schuldig fühlen, wenn sie jemanden, wenn vielleicht auch nur teilweise, ausschließen muss. Gemeinschaft kennt keine Outcasts, keine Outgroups, keine Ausgeschlossenen. Alles und alle gehören dazu. Das bedeutet auch, dass alle menschlichen Emotionen darin ihren Platz finden. Das, was es braucht, dass dies erreicht werden kann, bildet
- das zweite Charakteristikum von Gemeinschaft: Commitment. Ein wirkliches Sich-Einlassen, der Wille zu koexistieren. Die Mitglieder einer Gemeinschaft müssen sich einander in gewisser Weise verpflichten, aneinander hingeben.
Exklusivität kann in zwei Richtungen gehen: Man kann andere ausschließen, aber auch sich selbst. Nicht dazu gehören wollen, sich nicht einlassen wollen. Gemeinschaft, genauso wie die Ehe, setzt einen Willen zum Dranbleiben voraus, der auch Stürme, Konflikte und schlechte Zeiten überstehen kann. Unsere grundsätzliche Freiheit, unser individuelles Sein muss durch die Bereitschaft, sich einzulassen, durch Commitment ausbalanciert werden.
Eine Gemeinschaft ist eine Gruppe, die gelernt hat, ihre individuellen Differenzen immer wieder zu transzendieren. Dies erreicht sie durch
- das dritte Charakteristikum für Gemeinschaft: Konsens! Gemeinschaft kann nie totalitär sein. Das heißt, sie kann auch keine Demokratie sein, denn in der Demokratie herrscht die Totalität der Mehrheit. In der Demokratie werden die Anliegen der Minderheit unterdrückt. Wie sollten die Differenzen wirklich transzendiert werden, solange man eine Minderheit ausschließt? Gemeinschaft geht über Demokratie hinaus. Eine wirkliche Gemeinschaft wird, indem sie die individuellen Differenzen transzendiert, immer über Demokratie hinausgehen. Entscheidungen in wirklicher Gemeinschaft erreicht man daher immer durch Konsens in einem Prozess, in dem ein gemeinsames Einverständnis gesucht wird. Interessanterweise ist dies, sobald der Gemeinschaftsgeist gefunden ist, gar nicht so schwierig, wie man denken würde. Es gehört zum Mystischen und Magischen, das mit Gemeinschaft zusammengeht, dass es funktioniert.
- Ein weiteres Charakteristikum ist ihr Realismus, die Realitätsverbundenheit von Gemeinschaft. Gruppen können leicht entarten. Es kommt dann zu den Erscheinungen, die man Mobbing nennt. Wirkliche Gemeinschaft kennt kein Mobbing. Aber irgendeine Gruppe ist eben selten eine Gemeinschaft.
Realistische Entscheidungen werden interessanterweise am ehesten durch wirkliche Gemeinschaften hervorgebracht.
Das ist auch meine Erfahrung. Allerdings müsste ich hier eine Einschränkung machen, die mit der Beschränkung, wie ich sie bei Scott Peck wahrnehme, zu tun hat. Sobald grundlegende Tabus berührt werden, muss man auch in einer Gemeinschaft mit der Fehlbeurteilung einer Situation rechnen. Auch wenn sich die ganze Gruppe darin einig ist, dass der Kaiser Kleider trage, kann es dann trotzdem sein, dass er tatsächlich nackt herumläuft. Ich denke natürlich ans Inzesttabu, ans Tabu um Geld und Besitz und die anderen großen Tabuthemen, wie ich sie in meiner Arbeit beschrieben habe.
Etwas, was mit einer realistischen Haltung zusammengeht, ist die Demut, die mit der Einsicht zusammenhängt, dass wir alle voneinander abhängig sind, alle einander brauchen. Ein Charakteristikum von Gemeinschaft ist daher, dass sie realistisch denkt und handelt und demütig ist.
- Ein weiteres Charakteristikum von Gemeinschaft ist ihre Neigung zu Kontemplation und Selbsterkenntnis. Sie untersucht sich selbst, sie ist sich ihrer selbst gewahr. Sie lernt über sich selbst. Selbsterkenntnis ist der Schlüssel zu Einsicht, welche wiederum der Schlüssel zu Weisheit ist. Plato bereits äußerte sich dazu ganz platt: Ein Leben, das nicht hinterfragt und verstanden ist, ist nicht wert, gelebt zu werden.
Der Gemeinschaftsbildungsprozess setzt Selbsterkenntnis von allem Anfang an voraus. Der Geist von Gemeinschaft, einmal gefunden, ist nicht etwas, was die Gemeinschaft für sicher hat. Er kann ihr leicht wieder verloren gehen, kann allerdings durch den Selbsterkenntnisprozess auch wieder gefunden werden. Keine Gemeinschaft kann erwarten, immer in guter Gesundheit zu sein. Aber eine wirkliche Gemeinschaft wird ihr Kranksein schnell erkennen und schnell die nötigen Schritte einleiten, um wieder zu heilen.
- Ein weiteres Charakteristikum von Gemeinschaft ist, dass sie heilend und verwandelnd (converting) wirkt. Man wird darin von einem Mythos verschluckt, sagen wir mit Castanedas Don Juan. Gemeinschaft wirkt heilend, weil sie ein sicherer Ort ist, ein Ort, an dem man sich selbst sein kann. Das, was den meisten Menschen ihr Leben lang fehlte, bietet sie, nämlich die Freiheit, vollkommen sich selbst zu sein. Instant-Community gibt es normalerweise nicht. Es braucht viel Arbeit, damit eine Gruppe von Fremden Gemeinschaft als sicheren Platz gestalten kann. Sobald ihnen dies aber gelingt, geschieht eine Art Wunder, etwas bricht durch, die Liebe breitet sich aus und Heilung und Bekehrung (Converting) können geschehen. Heilung und Bekehrung geschehen von selbst in Gemeinschaft, sobald der Geist des Gemeinsamen gefunden ist. Die üblichen Versuche der Menschen, einander zu heilen und zu überzeugen, verhindern tatsächlich Gemeinschaft. Der Fokus bei der Gemeinschaftsbildung liegt daher nicht auf dem Heilen, sondern darauf, die Beziehung untereinander so zu gestalten, dass sie ein sicherer Ort wird, in dem Heilung stattfinden kann. Paradoxerweise kommt in einer Gruppe von Menschen Heilung und Wandlung (Converting) erst auf, wenn die einzelnen Mitglieder aufgehört haben, einander heilen und bekehren zu wollen. Gemeinschaft ist gerade deshalb ein sicherer Ort, weil niemand einen darin heilen oder konvertieren will, niemand einen auf etwas Bestimmtes festnageln, einen verändern will. Die Mitglieder der Gemeinschaft akzeptieren vielmehr jeden, wie er ist. Jeder ist frei, sich selbst zu sein.
- Ein weiteres Charakteristikum von Gemeinschaft besteht darin, dass sie auch ein sicherer Ort ist, um mit neuen Möglichkeiten zu experimentieren. Sie ist ein Labor für Gemeinschaftsbildung, und das setzt voraus, dass sie zuerst ein Labor für persönliche Abrüstung ist. Das, was den Gemeinschaftsgeist in der Regel sehr schnell hervorbringt, ist das gegenseitige Eingeständnis der eigenen Gebrochenheit. Jedes menschliche Wesen ist zuerst einmal gebrochen und auf jeden Fall verletzlich. Gemeinschaft setzt voraus, dass wir unsere Verletzungen und Schwächen den anderen zeigen können. Sie setzt auch voraus, dass wir die Fähigkeit haben, uns von den Verletzungen anderer berühren zu lassen.
Meiner Meinung nach beschreibt Scott Peck hier die Geschehnisse, wie sie wohl zu Beginn einer Gemeinschaftsauseinandersetzung notwendig sind, später, vor allem wenn es um Lebensgemeinschaften geht, wird das Teilen der eigenen Gebrochenheit nicht genügen, um den Zusammenhalt von Gemeinschaft zu gewährleisten. Daran festzuhalten, im Selbstmitleid zu suhlen, wird dann vielmehr zu einem Widerstand dagegen, sich wirklich aufeinander einzulassen. Da wird dann unbedingt ein höherer Preis verlangt, der den Menschen meiner Erfahrung gemäß nicht so leicht abzuringen ist.
- Ein weiteres Charakteristikum von Gemeinschaft besteht darin, dass sie auch ein Platz ist, an dem Konflikte ausgetragen werden können. Und dies steht nicht im Gegensatz dazu, dass sie ein Labor ist für persönliche Abrüstung. In wirklicher Gemeinschaft gibt es keine Seiten, auf die man sich schlagen kann. Es gibt darin keine Cliquen und Fraktionen. Alle haben gelernt, einander zuzuhören und einander nicht zurückzuweisen. Eine Gemeinschaft ist ein Ort, an dem Konflikte ohne physisches oder emotionales Blutvergießen mit Weisheit und Anmut ausgetragen werden können. Eine Gemeinschaft ist eine Gruppe, die anmutig kämpfen kann. Gemeinschaft ist daher zuerst einmal nicht ein Ort ohne Konflikte. Sie befindet sich aber im Prozess zu einem konfliktlosen Sein.
- Ein weiteres Charakteristikum von Gemeinschaft ist, dass sie a group of all leaders ist, a leaderless group. Sie ist eine Gruppe, in der alle Führer sind, die keinen eigentlichen Führer hat und braucht. So wie der Therapeut in der individuellen Psychotherapie an seiner Erübrigung arbeitet, arbeitet auch der Trainer für Community-Bildung daran, dass er schließlich überflüssig werden soll. In der Gemeinschaft gibt es eine totale Dezentralisation der Autorität. Sie ist nicht totalitär, nicht einmal demokratisch. Ihre Entscheidungen werden ausschließlich über Konsens erreicht. Gerade das macht, dass Gemeinschaft ein idealer Ort für Entscheidungsfindung ist. In der guten Gemeinschaft fließt die Führerschaft dahin, wo sie immer gerade tatsächlich ist.
- Ein weiteres Charakteristikum von Gemeinschaft besteht darin, dass Gemeinschaft ein Geist ist, ein gemeinschaftlicher Geist. Gemeinschaft ist der Gemeinschaftsgeist. Sobald in einer Gruppe Gemeinschaft gefunden wird, ändert sich etwas ganz dramatisch in ihrem Geist. Der neue Geist ist äußerst spürbar und offensichtlich. Es ist vergleichbar mit dem Orgasmus: Niemand, der einen Orgasmus oder das Aufkommen von Gemeinschaft erlebt hat, wird je fragen, wie er oder sie wissen könne, ob er oder sie tatsächlich einen Orgasmus hatte oder Gemeinschaft erlebt hat.
Der Gemeinschaftsgeist ist immer ein Geist des Friedens. Er lässt sich aber nicht festhalten, nicht einfangen. Auch in einer guten Gemeinschaft kann es zu harten Kämpfen kommen. Aber dies ist immer ein produktiver Kampf, nicht ein destruktiver, der dann stattfindet. Der Kampf bewegt sich immer auf den Konsens zu. Er ist immer ein Kampf, der in Liebe geführt wird. Der Geist von Gemeinschaft ist unausweichlich der Geist von Frieden und Liebe.
Dieser Geist ist nicht nur der Geist der Gruppe selbst, sondern wird oft wahrgenommen als etwas, was sich von außen oder von oben über die Gruppe senkt. Der Geist von Gemeinschaft ist der heilige Geist, der Geist des Universums, der Geist der Liebe schlechthin. Gemeinschaft als Geist ist eine Manifestation des universellen Geistes. Hier finden wir auch das Erwachen für Spiritualität, das Gemeinschaft unausweichlich früher oder später jedem seiner Mitglieder bringt. Weil sie von diesem universellen Geist durchflutet ist, hat eine wirkliche Gemeinschaft eine Weisheit, die oft ans Wunderbare grenzt.
 
 
Stufen im Gemeinschaftsbildungsprozess
 
Krisen bringen oft vorübergehend das Gefühl und den Geist von Gemeinschaft hervor. So etwas fällt aber in der Regel schnell wieder in sich zusammen. Es ist daher anzunehmen, dass wir unser Leben als Krise, das heißt als Herausforderung und Chance leben müssten, wenn wir Gemeinschaft finden wollen. Gemeinschaft geschieht manchmal auch ganz von selbst, durch Zufall, manchmal auch, ohne dass eine Krise den Auslöser bildet. Es ist aber auch möglich, Gruppen ohne Krise und nicht durch Zufall, sondern durch klare Absicht auf dem Weg in Gemeinschaft zu begleiten. Das Aufkommen von Gemeinschaft ist voraussagbar und kontrollierbar. Wenn zwei oder drei in meinem Geist zusammenkommen, hat Jesus schon gesagt … Der Prozess der Gemeinschaftsbildung ist nämlich ein Prozess, der nach natürlichen Gesetzen verläuft. Sobald eine Gruppe sich an diese Gesetze hält beziehungsweise dazu angeleitet wird, wird sie eine wirkliche Gemeinschaft werden. Gemeinschaft (Kommune) – im Englischen Community – und Kommunikation stammen von derselben Wortwurzel ab. Die Regeln für gute Kommunikation sind dieselben wie diejenigen für die Gemeinschaftsbildung. Es sind auch die gleichen Regeln, wie wir sehen werden, die für die Individuation gelten. Unsere Unfähigkeit zu kommunizieren ist verantwortlich dafür, dass in der Welt der Geist der Gemeinschaft verloren gegangen ist.
Wenn Gemeinschaft zufälligerweise passiert, bleiben die Regeln, die zu lernen sind, in der Regel unbewusst, und deswegen geht das Ganze schnell wieder vergessen und verloren. Diese Regeln für Kommunikation und Gemeinschaftsbildung sind aber relativ leicht zu lehren und zu lernen. Der bewusste Lernprozess hilft dann, sich immer wieder in kritischen Situationen an diese Regeln zu erinnern. Die effektivste Art zu lernen ist das experimentelle Lernen. Dies gilt auch für Gemeinschaft. Erfahrungsgemäß sind die meisten Menschen fähig, die Regeln von Kommunikation und Community-Bildung zu erlernen und sind auch willig, ihnen zu folgen. Wenn sie in dieser Weise wissen, was sie tun, sind die meisten Menschen fähig, eine wirkliche Gemeinschaft zu bilden. Diese Basics, diese grundsätzlichen Gesetze und Regeln für Gemeinschaft, können am besten sichtbar gemacht werden, wenn man die Stufen, die im Gemeinschaftsbildungsprozess durchschritten werden, beschreibt.
Gruppen, die sich zur Gemeinschaftsbildung treffen, gehen in der Regel durch vier Stadien in der folgenden Reihenfolge:
 
I   Pseudogemeinschaft
II  Chaos
III Leere
IV  Gemeinschaft
 
I. Pseudogemeinschaft: Sobald sich eine Gruppe zur Gemeinschaftsbildung trifft, versucht sie häufig zuerst, eine Instant-Community zu bilden, indem alle fürchterlich lieb miteinander sind und versuchen, alle Konflikte zu vermeiden. Die Grunddynamik der Pseudogemeinschaft ist daher Konfliktvermeidung. Wirkliche Gemeinschaft kann zwar über längere Zeiten konfliktfrei funktionieren. Die Abwesenheit von Konflikt ist also für sich selbst noch nicht diagnostisch für Pseudogemeinschaft. Diagnostisch für Pseudogemeinschaft ist vielmehr die fehlende Würdigung, das Ignorieren der individuellen Differenzen. Die individuellen Differenzen werden in Pseudogemeinschaft verleugnet. Charakteristisch für Pseudogemeinschaft ist häufig auch, dass oft in Generalisierungen gesprochen wird und dass die Teilnehmer einander das gegenseitig durchlassen. In Generalisierungen zu sprechen ist absolut destruktiv für wirkliche Gemeinschaft. Die meisten Gruppen, die sich als Gemeinschaften sehen, sind tatsächlich Pseudogemeinschaften.
Sobald man auf die individuellen Differenzen in einer solchen Gruppe hinweist, diese erlaubt und fördert, dass sie sich zeigen können, wird eine Gruppe dieses erste Stadium in der Gemeinschaftsbildung schnell überwinden und als Folge ins zweite Stadium, das Stadium des Chaos, eintreten.
Unter individuellen Differenzen versteht Scott Peck natürlich vor allem die Unterschiede in Ideologie und Wirklichkeitsauffassung, die immer und überall zu Streitigkeiten Anlass geben. Toleranz braucht es aber nicht nur in diesen Andersartigkeiten, sondern vor allem auch ein Würdigen der unterschiedlichen Grade von Reife, von Begabung und bezüglich des Herausragens mit speziellen Qualitäten, deren nicht Anerkennen so häufig unter den Menschen nicht erkannte und ungelöste Autoritätsprobleme anzeigen und für das Erstere, die ideologischen Differenzen natürlich in der Tiefe verantwortlich sind.
 
II. Chaos: Das Chaos, welches zuerst eskaliert, sobald die individuellen Differenzen sich zeigen dürfen, zentriert sich meist um gut gemeinte, aber wenig hilfreiche Versuche, einander zu heilen und zu bekehren. Chaos ist nicht nur ein Zustand, in dem sich die Gruppe befindet, sondern ein essentieller Teil ihres Prozesses auf dem Weg zur Gemeinschaftsbildung. Im Zustand des Chaos sind die individuellen Differenzen im Unterschied zum Stadium der Pseudogemeinschaft offen gelegt. Die Versuche, einander zu heilen und zu bekehren, die dem Chaos zugrunde liegen, begründen sich nicht auf einem Motiv der Liebe, sondern auf dem Motiv, einander zu „normalisieren“, einander gegenseitig davon zu überzeugen, was Normalität ist.
Das Stadium des Chaos ist eine Zeit des Kämpfens und des Stolperns.
Auch in wirklichen Gemeinschaften gibt es Zeiten des Kampfs. Diese Zeiten unterscheiden sich aber vom Stadium II in der Gemeinschaftsbildung dadurch, dass wirkliche Gemeinschaften bereits gelernt haben, wie man effektiv und würdevoll kämpft. Der Kampf während der Chaosphase in der Gemeinschaftsbildung ist chaotisch. Er ist nicht nur laut, sondern unkreativ und unkonstruktiv. Und vor allem ist er langweilig, was als diagnostisch gelten kann.
Weil Chaos unangenehm ist und alle es vermeiden möchten, wird in dieser Phase meist auch der Leiter in einer Gemeinschaftsbildungsgruppe angegriffen dafür, dass er nicht richtig führe. In dieser Phase zeigen sich auch sekundäre Führer, was an sich nicht problematisch ist. Das Problematische ist vielmehr, dass all ihre Vorschläge Versuche sind, ins Organisatorische zu entweichen. Man sucht nach einer organisatorischen Lösung, einer Lösung auf der organisatorischen Ebene. Das Problem ist aber, dass Organisation und Gemeinschaft inkompatibel sind. Solange das Ziel Gemeinschaftsbildung bleibt, ist Organisation als vorgeschlagene Lösung für das Chaos eine nicht funktionale Lösung.
Hier braucht eine Gruppe meist Anleitung. Die richtige Lösung, aus dem Chaos herauszukommen, ist nämlich nicht leicht. Es gibt nur zwei Wege, die aus dem Chaos herausführen. Der eine führt ins Organisatorische, aber Organisation ist nicht Gemeinschaft. Der andere Weg führt in und durch die Leere hindurch. Dieser Weg aus dem Chaos zu Gemeinschaft in und durch die Leere hindurch ist der Gruppe schließlich vom Leiter vorzuschlagen. Die Leere zu nehmen ist allerdings für die Gruppe schwierig; da hindurchzugehen ist die große Schwierigkeit im Prozess der Gemeinschaftsbildung.
 
III. Leere: Es geht darum, dass jeder Teilnehmer bereit wird, sich von allen Barrieren bezüglich Kommunikation zu entleeren, zu befreien. Dies ist der Schlüssel für den Übergang von einem krankhaften zu einem weichen Individualismus. Die Barrieren gegenüber wirklicher Kommunikation bestehen zum Beispiel in Erwartungen, die man an einander hat, in vorgefassten Meinungen darüber, was laufen sollte, in Vorurteilen gegenüber einander, in Ideologien, in Theologien und ganz allgemein in Lösungsvorschlägen. Auch das unwiderstehliche Bedürfnis, einander zu heilen, zu konvertieren, zu überzeugen, zu bekehren gehört dazu. Nicht zuletzt ist natürlich das Bedürfnis zu kontrollieren zu erwähnen, von dem sich ebenfalls jeder Teilnehmer befreien muss, um leer zu werden. Gemeinsames Stillsein kann dabei behilflich sein.
Hilfreich ist es, die Gruppe beziehungsweise ihre Teilnehmer dazu anzuhalten, darüber zu reflektieren, wovon sich jeder persönlich entleeren müsste. Dieses innere Aufgeben ist ein Prozess des Opferbringens. Das Stadium der Leere im Prozess der Gemeinschaftsbildung ist daher eine Zeit der Opferbringung. Und Opfer bringen tut in der Regel weh. Da kommt man nicht drum herum. Es ist eine Art des Sterbens, aus dem schließlich die Neugeburt kommen kann, sobald das Nichts, die Leere gefunden ist. Es gibt keinen anderen Weg zum Gemeinschaftsgefühl außer durch die Leere hindurch. Und es gibt keinen anderen Weg zum Gemeinschaftsgeist als durch das Teilen der eigenen Gebrochenheit.
Zur Abwehr gegen diesen Zustand der Leere gehört auch der Versuch, wieder zurück in die Pseudogemeinschaft entfliehen zu wollen, um der Notwenigkeit zu entrinnen, gegenseitig die Last voneinander zu tragen.
 
IV. Gemeinschaft:
Sobald die Leere gefunden ist, sobald das Sterben vollendet ist, sobald Offenheit erreicht ist, tritt die Gruppe ganz von selbst ins Stadium von Gemeinschaft ein. Stille legt sich über die Gruppe, Frieden wird spürbar, Verletzlichkeit und Offenheit prägen das Klima, Lachen und Freude können aufkommen. Alle hören einander wirklich zu, und das, was ausgedrückt wird, ist ein wirkliches Teilen miteinander. Heilung und Wandlung können nun tatsächlich geschehen. Die Gruppe ist eine Gemeinschaft geworden. Und sofort stellt sich an diesem Punkt die Frage, was ihre Aufgabe ist. Denn jede Gemeinschaft hat eine Gruppenaufgabe. Bei einem Gemeinschaftsbildungsexperiment kann die Aufgabe darin bestehen, zuerst einmal das Erlebnis überhaupt zu genießen; dann aber auch die Gruppe wieder zu beenden. Wenn es eine Langzeitgruppe ist, die sich zusammengefunden hat, um Probleme zu lösen, wird sie sich jetzt an diese Aufgabe machen, wobei sie die Regel beachten wird: Gemeinschaftsbildung zuerst, Problemlösung danach. Eine Aufgabe für eine Gemeinschaft, die spontan zusammengekommen ist, kann auch darin bestehen, sich darüber klar zu werden, ob sie weiter bestehen soll, ein wirkliches Commitment leisten soll. Falls dies der Fall ist, finden sich dann unzählige Aufgaben, die ihr gestellt sind. Das Leben in Gemeinschaft ist nicht leichter oder bequemer als ohne Gemeinschaft. Es ist oft schmerzhaft und herausfordernd. Aber es ist viel lebendiger, viel intensiver. Das Leiden daran ist häufig sogar größer, aber ebenso ist die Freude größer. Die häufigste emotionale Antwort auf das Durchbrechen des Geistes von Gemeinschaft ist das Aufkommen von Freude. Es ist ähnlich, wie wenn man sich verliebt. Das Gefühl davon kann durchaus auch ekstatisch werden.
Hier werden die Grenzen von Scott Peck zum ersten Mal so richtig spürbar, wenn er davon redet, dass eine große Gefahr für Gruppen an diesem Punkt darin besteht, dass sie in den Gruppensex entarten könnte und wie man dem allenfalls vorbeugen könnte. Schade.
 
An diesem Punkt möchte ich kurz Parallelen ziehen zwischen den Konzepten, die wir in unserer Arbeit brauchen und dem hier von Scott Peck vorgestellten Konzept. Erstaunlich und herzerwärmend ist es ja immer wieder zu sehen, dass jeder, der wirkliche Einsicht in unsere menschliche Natur und ihre tieferen Zusammenhänge gewinnt, dieselben Entdeckungen macht, diese aber immer wieder in erstaunlicher Weise auf neue Art auszudrücken versteht.
Das Stadium der Pseudogemeinschaft deckt sich natürlich in unseren eigenen Betrachtungen beziehungsweise in unserem Schichtenmodell der menschlichen Persönlichkeit mit der Schicht der Anpassung, in dem sich der Mensch normalerweise befindet. Das Stadium des Chaos deckt sich dann mit dem, was wir die Schicht der abwehrenden Gefühle (Hass, Neid und Eifersucht) nennen, und das Stadium der Leere entspricht natürlich der Schicht der abgewehrten Gefühle (Schmerz, Verletzlichkeit, Einsamkeit). Auch vom Sterben redet Scott Peck und meint natürlich damit genau das, was wir mit dem Sterbepunkt zwischen Solar und Herz beschreiben. Über diesen Sterbepunkt kommt man zur Öffnung des Herzens, man findet in den Kern hinein in unserer Sprache, das Stadium von Gemeinschaft ist erreicht. Den Durchlauf durch diese Stadien kennen wir für die individuelle Entwicklung, für das individuelle Wachstum, die Individuation, und wir finden ihn nun auch hier wieder für die Bildung von Gemeinschaft.
Das, was mir fehlt oder was ich ein bisschen zu naiv finde in den Ausführungen von Scott Peck ist die Auseinandersetzung mit den Wächtern an den jeweiligen Toren, der Angst, dem Trotz, der Abwehr, der Integration der tiefen Gefühle wie Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Einsamkeit und so weiter. So einfach ist das leider alles nicht. Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass die meisten Menschen in einem solchen Prozess auf der Workshop-Ebene mitzugehen bereit sind. Aber den Preis dann zu bezahlen, den das im Leben kostet, die Integration davon im Alltag, das nötige Commitment, wird doch die meisten abschrecken.  Wenn das alles so einfach wäre, würde unsere Welt nicht aussehen, wie sie ist. Aber wie gesagt, gerade die Beschränkung macht vielleicht, dass Scott Peck diese Dinge so einfach formulieren und auf den Boden der Realität herunterbringen kann. Man könnte ihm zwar nicht vorwerfen, dass er die Dinge irgendwie blauäugig sehen würde, aber man hat bei seinen Ausführungen doch irgendwie den Eindruck, dass das definitive Scheitern bei ihm nicht so ganz einen Platz bekommen hat. Und dass er deshalb eine zu optimistische Sicht über die Wandlungsfähigkeit der Menschheit vertritt. Dies weist denn auch auf das Weitere hin, was bei ihm fehlt: Den Stillepunkt, wie wir ihn in unserer Arbeit beschreiben. An einer Stelle erwähnt er zwar, dass mit der Öffnung für das Gemeinschaftsgefühl eigentlich erst ein erster Schritt gemacht ist, aber darüber, wo es weiter lang geht, weiß er dann nichts zu berichten. Die Herzöffnung ist der Schritt, den die Menschheit als Gesamtheit als Nächstes zuzulassen hat. Darüber hinaus wird dann aber noch eine Entfaltung in einen geistigen Raum möglich sein, der mit den Konfrontationen am Stille- oder Wahnsinnspunkt zusammenhängt, wie wir das nennen, und zu einer Reise in die Unendlichkeit und in die innersten Geheimnisse von Gemeinschaft einlädt.
 
 
Weitere Dynamiken von Gemeinschaft
- Muster im Gruppenverhalten (nach dem Tavistock-Modell):
Scott Peck
erläutert anschließend noch das Tavistock-Modell von Wilfred Bion und stellt dessen Entdeckungen bezüglich Gruppenprozessen vor:
Jede Gruppe hat eine Aufgabe, dies ist ein Grundgesetz.
Früher oder später versucht jede Gruppe, ihre Aufgabe zu vermeiden, und sie hat natürlich verschiedene Möglichkeiten, dies zu tun. Dies ist ein zweites Gesetz.
Es gibt verschiedene Aufgabenvermeidungsstrategien, nämlich vier: Flucht, Kampf, Paarung und Abhängigkeit. Wenn eine Gruppe sich über ihre spezielle Aufgabenvermeidungsstrategie bewusst wird, versucht sie in der Regel sofort in ein anderes Muster der Vermeidung auszuweichen. Wenn eine Gruppe es schließlich hinkriegt, sich wirklich von diesen Aufgabenvermeidungsstrategien zu befreien, wird sie zu einer Arbeitsgruppe beziehungsweise eben zu einer Gemeinschaft.
Bevor wir zu den einzelnen Vermeidungsstrategien kommen, will ich als Beispiel die Aufgabe unserer Kirschblütengemeinschaft, wie ich sie erlebe, zu umreißen versuchen. Die individuelle Aufgabe in der Gemeinschaft ist natürlich die Selbstfindung. Sie besteht darin, sich selbst so weit zu bändigen, dass man liebesfähig wird. Dies beinhaltet natürlich, wie wir alle wissen, vor allem, andere unbegrenzt zu lieben, das heißt, dass wir sie nehmen, wie sie sind und völlig freilassen bezüglich ihrer Lebensführung. Die nächste Aufgabe, sozusagen der Eintrittspreis, der zu bezahlen ist, um mit den tieferen Geheimnissen der Gemeinschaft in Berührung zu kommen, Anteil zu haben an den Früchten, die sie hervorbringt (tantrischer Kreis, Herzgruppe etc.) besteht dann darin, eine feste Beziehung einzugehen mit allem Drum und Dran und großer Verbindlichkeit und darin den anderen, oder einander gegenseitig, zu bändigen, bis eine unverbrüchliche Liebe daraus geworden ist, in der man völlig verbindlich ist, sich aber auch ganz und gar freilassen kann, eine Liebe, die überschwappen kann in Nachbars Garten und in die Welt. Erst dann wird man brauchbar für die Aufgabe, welche die Gemeinschaft als Ganzes hat in der Welt, nach außen, nämlich ein Feld von Liebe herzustellen, das, was man selbst gelernt hat, in die Welt zu tragen und weiterzugeben, einen dritten, eine vierte, andere überhaupt, die Menschheit schließlich zu bändigen. Natürlich verläuft dies nicht einfach so linear, sondern man beginnt mit allem und auf allen Ebenen gleichzeitig und wächst darin. Interessant ist, immer wieder zu schauen, wer die Aufgabe überhaupt erkannt hat, wer sie angenommen hat und wo jeder Einzelne bezüglich ihres Vollzugs steht. Eine Frage ist auch, ob diese Berufung, diese Aufgabe nicht die Aufgabe von Gemeinschaft überhaupt ist, die Aufgabe jeder Gemeinschaft.
Die Therapeutische Universität ist bezüglich dieser Aufgabe eigentlich nichts anderes als eine Organisationsstruktur, unter deren Dach sich alle Kräfte der Gemeinschaft versammeln, die fähig geworden sind, diese Aufgabe der Gemeinschaft zu erfüllen, das Gelernte in die Welt zu tragen. Darum gehören unsere eigenen Angebote, die von Danièle und mir, natürlich vorrangig dazu. Sie vermitteln sozusagen das eigentliche Universitätsniveau. Die therapeutische Universität ist in diesem Sinne eine Erweiterung unserer Praxis, unserer Seminartätigkeit, unseres Wirkens, aus dem ja die Gemeinschaft und damit die Therapeutische Universität hervor gewachsen sind. Wir sind ganz klar eine therapeutische, eine therapeutisch orientierte Gemeinschaft. Je mehr Mitglieder der Gemeinschaft fähig werden, ihren diesbezüglichen Beitrag einzubringen und gleichwertig zu sein, desto mehr wird die Therapeutische Universität blühen und zu einer tragenden Struktur werden, die aus sich selbst heraus lebt und ihre Mitglieder, uns zum Beispiel, für neue Aufgaben freistellen kann. Meine Vorstellung geht dahin, dass die Therapeutische Universität zumindest die Kosten für ihre eigene Struktur, für die nötigen Räumlichkeiten und für die Organisation des gesamten Angebotes, sowie allenfalls für unsere Supervisionstätigkeit darin tragen könnte. Das wäre für uns eine große Entlastung. Mehr brauchen wir nicht.
Flucht: Eines der menschlichen Grundprobleme, vielleicht das größte, ist, das Angenehme zu suchen und das Unangenehme vermeiden zu wollen. Auch Gruppen versuchen immer wieder, diesen Weg einzuschlagen. Statt Probleme zu konfrontieren, wenn sie auftreten, versucht man, ihnen aus dem Weg zu gehen. Pseudogemeinschaft, die Welt der Anpassung macht nichts anderes. Die Folge ist, dass die Probleme uns immer mehr als ungelöste über den Kopf wachsen. Die Grundstrategie in der Pseudogemeinschaft ist der Versuch, das Problem, das aus den individuellen Differenzen ihrer einzelnen Mitglieder kommt, zu vermeiden. Auch eine Gruppe, die im Zustand des Chaos ist, versucht, ihr Problem in der Regel durch Flucht zu lösen, nämlich durch Flucht in die Organisation, wie wir schon gesehen haben, oder dadurch, dass sie sich versucht, in Untergruppen aufzuteilen. Ein häufiges Muster der Flucht ist auch, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass jemand leidet. Diese Aufgabenvermeidungsstrategie der Flucht kann natürlich auch auftreten, nachdem eine Gruppe bereits zur wirklichen Gemeinschaft geworden ist. Alles kann immer wieder verloren gehen, wenn man nicht wachsam bleibt.
Kampf: Kampf als Aufgabenvermeidungsstrategie dominiert natürlich im Stadium des Chaos im Gemeinschaftsbildungsprozess. Der Versuch, einander zu heilen und zu bekehren wird sofort zu einem Kampf. Das, was einzusehen ist, ist das, was Psychotherapeuten meist in langen Jahren lernen, dass man nämlich niemanden heilen und bekehren kann, außer vielleicht sich selbst. Was wir tun können ist, uns selbst zu entleeren von diesem Bedürfnis, andere zu korrigieren, fähig zu werden, andere zu nehmen, so wie sie sind und so eine Atmosphäre von Respekt und Sicherheit zu schaffen, in der Heilung allenfalls stattfinden kann. Kampf in Gruppen, die man als wirkliche Gemeinschaften bezeichnen kann, führt immer zu einem kreativen Entleerungsprozess und schließlich zum Konsens.
Paarung: Eine andere Fluchmöglichkeit, um die Aufgabe der Gemeinschaft zu vermeiden ist die Bildung von Allianzen, bewusst oder unbewusst, zwischen zwei oder mehreren Mitgliedern. Das wird zum Zerfall der Gruppe führen und nicht zu einer Lösung.
Abhängigkeit: Die absolut schwierigste Strategie unter den Aufgabenvermeidungsstrategien einer Gemeinschaft ist die Abhängigkeit, das Bedürfnis nach Abhängigkeit. Eine Gemeinschaft kann nicht existieren, solange ihre Mitglieder abhängig sind von einem Führer, der sie unterrichten oder ihre Last tragen soll. Jeder in einer Gemeinschaft hat nicht mehr und nicht weniger Verantwortung als alle anderen dafür, dass die Gemeinschaft funktioniert. Menschen hängen grundsätzlich gerne von einem Führer ab, haben gerne, wenn man ihnen sagt, was sie tun sollen, um sich vor ihrer eigenen Verantwortung zu drücken. Führer, die zurückweisen, ein Big Daddy zu sein, werden häufig von ihren Gruppen gewissermaßen gekreuzigt. Man wirft ihnen vor, sie würden als Führer versagen. Das, was es dann braucht ist, dass der Führer fähig ist zu großer, innerer Leere und das durchstehen kann, es auf sich nehmen kann, als schwacher Führer gesehen zu werden.
- Interventionen eines Gruppenleiters bezüglich dieser Muster: Da eine Gruppe ein lebendiger Organismus ist, ein eigenes Wesen, sollte der Leiter einer Gruppe sich vielmehr auf die Gruppe als Ganzes fokussieren als auf die einzelnen Mitglieder. Die generelle Regel besteht darin, dass er seine Interventionen auf die Interpretation des Gruppenverhaltens beschränken und nicht das individuelle Verhalten kommentieren sollte. Das führt ganz von selbst dazu, dass die Mitglieder einer Gruppe, die Gruppe als Ganzes zu sehen beginnen. Ein Gruppenleiter sollte auch nur diejenigen Interventionen selbst machen, zu denen andere Mitglieder in der Gruppe nicht fähig sind. Er muss warten können. Er muss fähig sein, sich zu entleeren und sich immer wieder von seinem Bedürfnis nach Kontrolle zu befreien.
Allgemeine Regeln haben aber immer auch Ausnahmen. Gelegentlich wird es trotzdem nötig sein, sich auf das Verhalten eines individuellen Mitglieds zu fokussieren. Das ist in der Regel dann nötig und macht die Intervention auch entsprechend schwierig, wenn ein Gruppenmitglied aus irgendeinem Grund nicht in der Lage ist, „to get the message“. In der Regel können Gruppen mit den schwierigsten individuellen Psychopathologien sehr gut umgehen. Oft sind es sogar die kränkesten Mitglieder, die viel zum Gemeinschaftsbildungsprozess beitragen. Es gibt aber Individuen, die sich nicht nur nicht den Bedürfnissen der Gruppe unterordnen wollen, sondern sogar bewusst oder unbewusst aktiv auf die Zerstörung der Gemeinschaft aus sind. Es gibt das Böse. Es gibt malignen Widerstand, malignen Narzissmus, malignen Individualismus. Eine Gemeinschaft ist per definitionem einschließend. Wenn aber das Leben der Gemeinschaft bedroht ist, muss sie manchmal auch eine andere Entscheidung treffen. Wenn eine Gruppe sich zur Ausschließung entscheidet, sollte diese Ausschließung aber minimal bleiben. Mit Schuldgefühlen wird sie sich auf jeden Fall auseinander zu setzen haben, da sie das Hauptprinzip von Gemeinschaft, nämlich Inklusivität, verletzt hat. Ausschluss ist keine Lösung für das Problem des Bösen, das dieser individuellen Haltung zugrunde liegt. Eine Gruppe wird daher auf jeden Fall darunter leiden, dass sie daran gescheitert ist, eine wirkliche Lösung zu finden.
- Gruppengröße: Um erfolgreich darin zu sein, eine wirkliche Gemeinschaft zu werden, scheint eine Gruppe nicht von einer bestimmten Größe abhängig zu sein. Im Gegensatz zu anderen Gruppen ist es auch nicht notwendig, dass in gemeinschaftsbildenden Gruppen jedes Mitglied bei jedem Treffen zum Sprechen kommt. Hauptsache ist, dass die Mitglieder emotional dabei sind. Scott Peck hat zum Teil mit Gruppen von Hunderten von Teilnehmern gearbeitet.
- Dauer für gemeinschaftsbildende Gruppenprozesse: Zwei Tage für eine Gruppe von dreißig bis sechzig Leuten ist genug, um zu einer wirklichen Gemeinschaft zu werden. Dies kann sogar verkürzt werden, wenn die Gruppe vorher instruiert wurde, Generalisationen zu vermeiden, persönlich zu sprechen, verletzlich zu sein, nicht andere heilen oder bekehren zu wollen, sich zu entleeren, wirklich zuzuhören und nicht nur das Angenehme, sondern auch das Schmerzliche willkommen zu heißen. Auch hier zeigt sich natürlich wieder die allerdings sympathisch anmutende Naivität des Autors. Es ist sicher richtig, dass ein Gemeinschaftsgefühl in einer Gruppe relativ schnell erreicht werden kann auf dem Seminar- oder Workshop-Level und dass dies zu erfahren, Heilung bringt. Aber dies dann in einer Langzeitgemeinschaft aufrechtzuerhalten oder gar in der Welt durchzusetzen, steht auf einem ganz andern Blatt.
- Commitment: Gemeinschaft braucht, damit sie bestehen kann, ein starkes Commitment der einzelnen Mitglieder. Für gemeinschaftsbildende Workshops braucht es zumindest das Commitment, am Prozess dranzubleiben bis zum Schluss, unabhängig davon, ob dieser Prozess angenehm oder schmerzhaft ist. Dies ist die einzige Regel für solche Workshops: Man kann nicht aussteigen. Obwohl dies natürlich trotzdem nicht verhindert werden kann, wenn jemand sich dann doch so entscheidet. In der Regel sollen es etwa drei Prozent der Teilnehmer sein, die ein solches Commitment brechen. Die Abmachung besteht darin, dass jeder seinen Unwillen, seine schlechten Gefühle oder was auch immer ausdrückt statt davonzulaufen. Für Langzeitgemeinschaften braucht es natürlich dann noch eine viel tiefere Ebene des Sich-Einlassens.
- Übungen für die Gemeinschaftsbildung: Sehr hilfreich ist Stille, vor allem um den Zustand der Leere zu erreichen. Hilfreich sind auch Geschichten. Der beste Weg, um zu lernen, ist durch das Experiment. Wenn dies nicht möglich ist, helfen in der Regel Geschichten als zweitbester Weg. Hilfreich sind natürlich auch Rituale, gemeinsames Singen und so weiter. Bei Scott Peck und den Amerikanern schlechthin kommen natürlich noch das Gebet und ähnliche religiöse Möglichkeiten dazu. Dieser fundamentalistische Christuskult in Amerika ist schon sehr erstaunlich. Ein wichtiges Ritual in gemeinschaftsbildenden Workshops ist oft nötig, um das Zurückkehren in die kalte, lieblose und gemeinschaftsfeindliche Welt überbrücken zu helfen. Bei uns reden wir von Integration. Das beste Antidot gegen den Verlust von Gemeinschaft ist, selbst, da wo man zu Hause ist, Gemeinschaft zu schaffen.
 
 
Das Aufrechterhalten von Gemeinschaft
Gemeinschaft kann immer wieder verloren gehen. Es gibt eine Spannung zwischen unserer inhärenten Faulheit, unseren Gewohnheitsmustern, unseren Ängsten und so weiter und dem Teil in uns, der sich nach Gemeinschaft sehnt. Es ist normal, sich in Spannung zu befinden, jeder lebendige Organismus existiert in Spannung. Die Parameter, über welche sich diese Spannung erstreckt, wenn Gemeinschaften sich versuchen zu behaupten, sind die folgenden:
 Größe
Struktur
Autorität
Inklusivität
Intensität
Commitment
Individualität
Aufgabendefinierung
Ritual
 
Wichtig, um damit umzugehen, wird immer wieder sein, auf die Basics zu achten: Jede autoritäre Struktur ist destruktiv für Gemeinschaft, zum Beispiel. Alle Entscheidungen sollten über einen Konsens gefunden werden. Es darf nur wenig Autorität geben bezüglich Organisation und Führerschaft und lediglich einen schwachen Grad von ausgebildeten Strukturen. Die grundsätzliche Inklusivität von Gemeinschaft darf nicht in Vergessenheit geraten. Auch die grundsätzliche Individualität darf nicht verloren gehen. Es braucht ein hohes Maß von Commitment und Sich-Einlassen. Und die Aufgabe einer Gemeinschaft muss jederzeit klar definiert sein. Verletzlichkeit muss als oberstes Prinzip immer gelten. Versuche, andere zu heilen oder zu bekehren, sind in der Regel destruktiv und nicht förderlich. Gemeinschaft ist nicht eine Therapiegruppe, sondern eine Support-Gruppe. Die Absicht der Gemeinschaft ist zu lieben und nicht zu heilen. Rituelles ist wichtig für den Zusammenhalt, und wenn es nur darin besteht, während der Gruppentreffen nicht zu rauchen oder zu trinken. Eine Gruppe muss auch Mitglieder tragen können, denen wirkliches Commitment fehlt. Eine wirkliche Gemeinschaft wird immer auch randständige Mitglieder haben. Eine Gruppe braucht aber unbedingt einen Kern von Mitgliedern, die sich intensiv aufeinander eingelassen haben, bei denen das Commitment ein hohes Maß aufweist. Damit eine Gemeinschaft sich bilden kann, braucht es ein hohes Maß an Commitment am Anfang in der ganzen Gruppe; um sich zu behaupten braucht die Gemeinschaft dann einen Kern von Menschen, die sich sehr aufeinander eingelassen haben. Bezüglich der Struktur gilt: Ohne Struktur gibt es Chaos, mit zu viel Struktur bleibt kein Raum für die Leere.
Gemeinschaften genauso wie Individuen haben verschiedene Lebensspannen. Eine Gemeinschaft kann auch sterben. Manchmal sind Gemeinschaften unfähig, ihr Potenzial auszuleben. Andere werden steril und verlieren ihren Gemeinschaftscharakter. Wichtig ist es zu sehen, dass eine Gemeinschaft auch sterben kann, und sich dieser Tatsache zu stellen. Sofern eine Gemeinschaft stirbt, wird dieser Auflösungsprozess ein sehr langsamer sein. Er braucht viel Zeit. Wichtig für das Überleben einer Gemeinschaft ist immer wieder die Frage, ob sie ihre Aufgabe vermeidet oder anerkennt und ob sie überhaupt ihre Aufgabe noch sieht und ihr nachgeht. Ein Symptom, welches das Sterben einer Gemeinschaft anzeigt, ist in der Regel der Prozess der Feindbild-Errichtung. Die Liebe ist verloren gegangen, plötzlich geht es ums Wir-Gegen-Die. Feindbild-Errichtung ist unausweichlich eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das Grundziel von Gemeinschaft ist, Wege zu finden, die es uns ermöglichen, mit uns und anderen in Liebe und Frieden zu leben. Die Aufgabe der Menschheit überhaupt, unsere wesentliche, zentrale und schwierige Aufgabe ist es, uns selbst von gewöhnlichen sozialen Kreaturen in Gemeinschaftskreaturen zu verwandeln. Noch verstehen wir uns nicht darauf, uns mit der nötigen Inklusivität, mit dem nötigen Realismus, mit Selbsterkenntnis, Verletzlichkeit, Commitment, Offenheit, mit Freiheit, Gleichheit und Liebe auf wirkliche Gemeinschaft einzulassen.
 
Im Rest des Buches versucht Scott Peck dann die verschiedenen Aspekte im Zusammenhang mit Gemeinschaft noch zu vertiefen. Darauf will ich nicht näher eingehen. Er endet dann in einem leidenschaftlichen Aufruf für Gemeinschaft, für globale Gemeinschaft vor allem auch, und in einer leidenschaftlichen Kritik an gewissen Pseudogemeinschaften seines eigenen Landes, der Armee, der Kirche und der Regierung. Darin leuchtet immer wieder eine etwas naive Haltung gegenüber der Lösbarkeit all dieser Probleme auf. Wenn die Menschen der christlichen Botschaft des „Liebet einander!“ und „Dienet einander!“ während der letzten zweitausend Jahren konsequent ausgewichen sind, warum sollten sie ihr jetzt folgen wollen, nur weil einer sie in Regeln fasst? Gleichzeitig gibt es aber auch darin noch einige Perlen zu finden, und vor allem ist die Leidenschaftlichkeit des Mannes und seine Integrität und Ehrlichkeit ansteckend. Und vielleicht wird ja tatsächlich auch die Menschheit irgendwann aus der Phase I der Pseudogemeinschaft oder aus der Phase II des Chaos erwachen und als Ganzes weiter schreiten durch die Leere zur wahren Gemeinschaft.
 
Insbesondere lässt Scott Peck sich über die Natur des Menschen aus, über unsere grundsätzlichen Verschiedenheiten beziehungsweise Gleichheiten oder Ähnlichkeiten. In diesen Fragen teile ich seine Sichtweise nicht voll; sie ist mir wieder zu oberflächlich und zu wenig differenziert. Für mich sind alle Menschen grundsätzlich gleich in der Tiefe, im Allerinnersten unseres Seins, und ebenso sind wir uns sehr ähnlich im Umgang mit der Oberfläche unseres Seins, in unseren emotionellen Reaktionen. Verschieden sind wir bezüglich der mittleren Schicht, unserer Konditionierung, die meiner Meinung nach von Scott Peck aber zu sehr betont wird.
Interessant ist hingegen, dass er unterscheidet zwischen verschieden reifen Individuen, genauso wie zwischen verschieden reifen Kulturen. Den Schlüssel zu Gemeinschaft sieht er in der Akzeptanz, wenn nicht gar im Feiern der individuellen und kulturellen Differenzen. Er unterscheidet daher parallel zu seinen vier Stadien der Gemeinschaftsbildung auch vier Stadien der individuellen und auch der kulturellen Entwicklung.
 
Stadium I:         chaotisch, antisozial
Stadium II:        formalistisch, institutionell
Stadium III:       skeptisch, individuell
Stadium IV:       mystisch, gemeinschaftlich
 
Im Stadium I sind Menschen unfähig, andere zu lieben, ihr Verhalten in Beziehungen ist vor allem manipulativ und ihrem eigenen Interesse dienend. Sie kennen keine Prinzipien. Menschen entwickeln sich von einem Stadium zum nächsten durch eine Art Bekehrung, ein Erwachen, das durch Verschiedenes ausgelöst werden kann.
Im Stadium II werden Menschen oft gläubig, wobei sie eine kindliche Vision ihres Gottes haben, der für sie ein Wesen völlig außerhalb ihrer selbst ist.
Im Stadium III lösen sie sich dann wieder von diesen Vorstellungen und werden skeptisch. Hier findet man die Ungläubigen, die aber paradoxerweise spirituell weiter entwickelt sind als die Menschen des Stadiums II.
Menschen, die das Stadium IV erreichen, finden dann zurück in eine neue Spiritualität. Sie finden einen Zugang zum Mysterium des Seins und zur Einheit aller Dinge. Sie erkennen, dass die ganze Welt eine einzige Gemeinschaft ist, und sehen, dass das, was uns davon trennt, darin besteht, dass wir diese Tatsache nicht sehen können.
Menschen neigen dazu, eine Zeitlang zwischen den verschienen Stadien hin und her zu gleiten, bevor sie sich in einem neuen Stadium wirklich etablieren können. Menschen, die uns voraus sind, fürchten wir in der Regel. Wenn sie uns ein Stadium voraus sind, können sie unsere Lehrer werden, wenn sie weiter voraus sind, erleben wir sie häufig als böse und feindlich, was dann zu Kreuzigungen führen kann. Interessant ist nun, dass eine wirkliche Gemeinschaft Menschen in allen vier Stadien enthalten und zusammenbringen kann. Eigentlich wäre zu erwarten, dass nur Menschen, die bis zum Stadium IV vorgeschritten sind, eine wirkliche Gemeinschaft bilden können zusammen. Dem ist aber nicht so; das gehört zum Wunder oder Mysterium von Gemeinschaft. Obwohl die erleuchtete, konfliktfreie Gemeinschaft natürlich tatsächlich Menschen einer großen individuellen Reife vorbehalten ist.
Menschen im Stadium I werden normalerweise Gruppen bilden, die in Anpassung leben, in Pseudogemeinschaft. Menschen im Stadium II ihrer Entwicklung werden bezüglich Gemeinschaft zum chaotischen Stadium neigen. Fundamentalistisch werden sie ihre eigene Überzeugung anderen überziehen wollen. Das Stadium III der Leere bezüglich Gemeinschaft passt dann zusammen mit dem Stadium III des Skeptikers bezüglich der individuellen Entwicklung. Menschen, die bezüglich ihrer persönlichen Entwicklung das Stadium IV erreicht haben, erwachen dann für die Notwendigkeit einer Weltgemeinschaft, für die Möglichkeit einer Transzendenz der Kulturen. Sie sehen sich als Mitglieder einer planetaren Kultur. Interessanterweise scheint es Menschen in allen Stadien der individuellen Entwicklung möglich zu sein, für den Geist wirklicher Gemeinschaft zu erwachen, auch wenn sie in ihrer individuellen Entwicklung noch weitere Schritte vor sich haben. Dies gibt den fortgeschrittenen Individuen natürlich auch eine Verantwortung bezüglich Gemeinschaft, da sie es sein werden, denen es gelingen müsste, immer wieder alle unter einem Hut zusammenzubringen.
 
Ein anderer interessanter Gedanke, der auch noch erwähnenswert ist, bezieht sich auf Integration und Integrität. Gemeinschaft ist integrativ. Dies geht mit Integrität zusammen. Integrität und darum auch Gemeinschaft ist nie schmerzlos. Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Integrität kann leicht überprüft werden in einer Gemeinschaft: Man schaut, was fehlt, ob irgendetwas nicht Platz hat in der Gemeinschaft. Fehlende Integrität steht immer für fehlende Integration, das heißt für die Tatsache, dass irgendetwas ausgelassen ist, nicht alles Platz hat.
Ein anderer Test für Integrität besteht darin, nach dem Paradoxen Ausschau zu halten, denn alle Wahrheit ist irgendwie paradox. Wenn ein Konzept nicht im Geringsten paradox erscheint, ist irgendetwas verdächtig, und man muss annehmen, dass es daran scheitert, alle Aspekte des Ganzen einzuschließen. Wahrheit ist immer durch Inklusivität und Paradox gekennzeichnet. Einseitigkeit und Unfähigkeit, alles einzuschließen, weisen immer auf mangelnde Integrität hin. Deswegen kann man auch sagen, dass Sektenverfolgung immer auch selbst eine Sekte bildet.

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